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f+h fördern und heben 11/2017

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f+h fördern und heben 11/2017

3.

3. ERGOMECHANICS-KONFERENZ SCHLÄGT BRÜCKE ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND PRAXIS Experten aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen haben auf der 3. Ergomechanics-Konferenz in Amberg neue Erkenntnisse aus der Wirbelsäulenforschung präsentiert und Lösungen zur Verbesserung der Wirbelsäulengesundheit an Fahrerarbeitsplätzen vorgestellt. Auf der von der Grammer AG initiierten Veranstaltung wurde zum Beispiel dargelegt, wie sich von Biomechanikern gewonnene theoretische Erkenntnisse zur Entwicklung praktischer Lösungen im Bereich Sitzsysteme für Flurförderzeuge nutzen lassen. 32 f+h 2017/11 www.foerdern-und-heben.de

PERSPEKTIVEN Rückenschmerzen werden nach den Global Health Reports auch in Zukunft eine der Erkrankungen mit starker Beeinträchtigung für den Betroffenen sein. Für 80 Prozent der Weltbevölkerung sind Rückenschmerzen Bestandteil des Lebens; eine von drei Personen hat dauerhaft stark einschränkende Rückenschmerzen. Um diese Beeinträchtigungen zu verringern, sind multi- und interdisziplinäre Lösungen unerlässlich. Lösungswege aufzuzeigen, war für die Grammer AG die Initialzündung den interdisziplinären Kongress Ergomechanics ins Leben zu rufen. Unter dem Stichwort „Kollaboration für gesundes, aktives Sitzen“ eröffnete Dr. Michael Borbe, Vice President Global R&D bei der Grammer AG, die dritte Auflage der Ergomechanics-Konferenz. „Das wegweisende Kooperationsdreieck zwischen Medizin, Fahrzeugherstellern und Zulieferern wird zu einem Mehrwert für alle Beteiligten führen und schließlich zu Produkten, die den Endkunden Komfort und ergonomisches Sitzen bieten.“ Als Keynote-Sprecherin referierte Dr. med. sci. Margareta Nordin, Präsidentin der Eurospine, the Spine Society of Europe, über die Bedeutung von Rückenschmerzen. Alle Forschungsergebnisse zeigten, dass regelmäßige Bewegung der wichtigste Ansatzpunkt zur Vorbeugung gegen und Behandlung von Rückenproblemen sei. „Vor allem die Förderung von aktivem Sitzen durch eine entsprechende Gestaltung der Sitze und ihrer Umgebungen ist Erfolg versprechend.“ ›› schaftsgruppen WINFRIED BAUER, CHEFREDAKTEUR F+H Die Ergomechanics-Konferenz ist ein gutes Beispiel dafür wie interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohle unterschiedlicher Gesellbeitragen kann VON DER THEORIE … Doch um die von Dr. Nordin angesprochene Gestaltung der Sitze zu realisieren, muss u. a. die Struktur der Wirbelsäule noch besser verstanden werden. Zu diesem Zweck führt Prof. Dr. Hans-Joachim Wilke, stellvertretender Direktor des Instituts für Orthopädische Forschung und Biomechanik und Leiter der Wirbelsäulenforschung an der Universität Ulm, mit seinem Mitarbeiterteam in-vitro- und in-vivo-Experimente sowie mathematische Modellrechnungen durch. Solche Untersuchungen führten zu neuen Erkenntnissen zur Belastung und Kinematik der Wirbelsäule und zu Informationen über Kräfte und die Dehnungsverteilung in Bandscheiben, Bändern und den Wirbeln mit den kleinen Wirbelgelenken. In der Summe ließen sich so für die Ergonomie wichtige Informationen gewinnen. „Jüngste Forschungsergebnisse haben das Wissen um die Wirbelsäule deutlich erweitert und bieten zunehmend die Möglichkeit auch über fundierte Messergebnisse Einflüsse auf die Wirbelsäule zu bewerten.“ … IN DIE KONKRETE ANWENDUNG Wie sich diese theoretischen Erkenntnisse zur Entwicklung praktischer Lösungen nutzen lassen, erklärte Dr. Susanne Frohriep vom Fachbereich Ergonomie bei Grammer anhand konkreter Beispiele wie den Flurförderzeug-Sitzsystemen vom Typ Synchro Seat sowie der Lehne vom Typ Dualmotion und der Medium-Multifunktionsarmlehne. Die Dualmotion-Lehne biete z. B. eine adaptive Unterstützung des Fahrerrückens und reduziere damit die Ermüdung des Gabelstaplerfahrers. Als Grundlage für die Produktentwicklung skizzierte Dr. Frohriep drei Verständnisbereiche: erstens das Verständnis des Menschen, zweitens, des Produkts und drittens, deren Interaktion im System Mensch-Produkt. Daraus ergeben sich die Forschungsbereiche mentale und physische menschliche Eigenschaften, technische Produktleistungsfähigkeit sowie Nutzbarkeit und Komfort des abgestimmten Produkts. Neben der Entlastung der Wirbelsäule am Fahrerarbeitsplatz spielte das Thema „Autonomes Fahren“ eine bedeutende Rolle in zahlreichen Vorträgen. Mit der steigenden Automatisierung des Fahrens werden u. a. zusätzliche Funktionen für den Fahrer an Bedeutung gewinnen. Diese Veränderungen bringen neue Anforderungen an die Optimierung von Fahrerplätzen mit sich, mit denen sich die Industrie beschäftigen muss. Bereits in der Vorstufe „der ständigen Überwachung“ eines autonomen Fahrzeugs werden neue Anordnungen von z. B. Anzeigen und des Fahrerplatzes möglich sein. Ebenso gelte es, die Möglichkeiten und Anreize zur Bewegung bei sitzenden Positionen in der Mobilität zu erweitern. In diesem Zusammenhang erwähnte Prof. Wilke in die Überlegungen einzubeziehen, dass die menschliche Wirbelsäule auf wechselnde Belastungen ausgelegt sei und diese auch zur Regeneration benötige. „Jede Rückenschaltung ist in Ordnung, wenn sie wechselt.“ Dies bei der Entwicklung von Sitzsystemen für Fahrerarbeitsplätze zu berücksichtigen, würde allerdings durch gesetzliche Regularien unterbunden. Hier müsse sich der Gesetzgeber neuen Erkenntnissen der Forschung aufgeschlossen zeigen. Wie sonst ließe sich der Volkskrankheit Rückenleiden beikommen? WB Fotos: Grammer, f+h, Fotolia, Karte auf S. 33: Stepmap, 123map. Daten: Openstreetmap, Lizenz: ODbL 1.0 www.grammer.de Etwa 200 Teilnehmer waren der Einladung gefolgt und informierten sich über die neuesten Erkenntnisse aus der Wirbelsäulenforschung www.foerdern-und-heben.de f+h 2017/11 33

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