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f+h fördern und heben 12/2020

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f+h fördern und heben 12/2020

F+H NACHGEFRAGT MENSCHEN

F+H NACHGEFRAGT MENSCHEN UND MÄRKTE „VOR ALLEM IN DIESER ZEIT SIND WIRTSCHAFTLICHE UND NACHHALTIGE LÖSUNGEN GEFRAGT“ Herr Wimmer, Corona hat die Vorbehalte gegen eine globalisierte Welt wachsen lassen. Sehen Sie als Folge dessen eine Phase der Deglobalisierung auf uns zukommen? Andreas Wimmer: Globale Lieferketten oder globale Produktionsnetzwerke lassen sich nicht so ohne Weiteres auflösen. Dafür sind diese Netzwerke zu komplex. Allein schon aus diesem Grund wird es eine durchgängige Deglobalisierung nicht geben. Was wir aus den Gesprächen mit unseren Kunden aber als Rückkopplung wahrnehmen, sind Überlegungen im Sinne einer lokalen Dezentralisierung. Das bedeutet: Unternehmen beschäftigen sich mit der Fragestellung, welche Artikel halte ich in meinem Distributionsnetzwerk an welchem Standort vor und welche Technik benötige ich an diesem Standort jeweils, um lieferfähig zu bleiben. Diese Überlegungen haben unter Umständen mit den Erfahrungen aus dem Lockdown im Frühjahr zu tun. Andreas Wimmer: Das sehe ich genauso. Im Frühjahr sind ganze Lieferketten zusammengebrochen. Daraus haben die davon in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen ihre Lehren gezogen. Risiken in den Produktions- und Liefernetzwerken wurden evaluiert und Maßnahmen ergriffen, diese zu minimieren respektive deren Umsetzung angestoßen. Als mögliche Folge der Corona-Krise ist vielfach die Rede davon, dass sich in vielen Bereichen der Wirtschaft eine Beschleunigung in puncto Automatisierung zeigen wird. Wie bewerten Sie diese Einschätzungen? Andreas Wimmer: Diese Einschätzungen kann ich vollumfänglich teilen. Mitunter resultierten die Überlegungen, verstärkt in automatisierte Systeme zu investieren, aus den zuvor bereits genannten Erfahrungen dieses Jahres. In großen Distributionszentren arbeitet mitunter eine vierstellige Anzahl an Personen. Sollte dann zur Bekämpfung von Covid-19 behördlicherseits eine Schließung der Standorte angeordnet werden, dann kommt das dem Lockdown der jeweiligen Unternehmen gleich. Zur Vermeidung dieser Situation kann die Lagerautomatisierung eine sinnvolle Lösung sein. Die Corona-Virus-Pandemie hat vieles verändert und uns alle in ihren Bann gezogen. Am Ende dieses Jahres ist daher ein guter Zeitpunkt gekommen, sich bei einem der bedeutenden Intralogistik-Systemanbieter nach den Auswirkungen von Covid-19 auf die Branche und das eigene Geschäft zu erkundigen. Und so stand Andreas Wimmer, Vice President Product Solutions bei SSI Schäfer, der Redaktion f+h Rede und Antwort. Manuelle Systeme erlauben dem Betreiber auf verschiedene Einflüsse zu reagieren. Flexibilität in puncto Saisongeschäft oder Veränderungen im Produktportfolio zum Beispiel lassen sich mit Automatiksystemen nur schwer beherrschen … Andreas Wimmer: Hier sprechen Sie eine der zentralen Fragestellungen an, die wir im Rahmen des Projektgeschäfts mit den Kunden diskutieren. Denn eines steht unverrückbar fest: Eine Automation muss sich auch betriebswirtschaftlich rechnen. Wir verstehen uns als Systempartner unserer Kunden mit einem breit gefächerten intralogistischen Portfolio. Aus diesem Angebot wählen wir im Sinne unserer Kunden die für die Bewältigung der Aufgabenstellung geeigneten Produkte und Systeme aus und überführen diese in wirtschaftliche Gesamtlösungen. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel ausführen. Einer unserer Kunden 48 f+h 2020/12 www.foerdern-und-heben.de

MENSCHEN UND MÄRKTE F+H NACHGEFRAGT mer Service & Support am Standort Graz massiv ausgebaut. Aber auch das Leistungsspektrum erweitert. Die Leistungsbreite reicht heute von klassischen Wartungen bis hin zu Instandhaltungskonzepten wie Predictive Maintenance. Bei dieser Customer Service & Support 4.0-Lösung wird der Zustand der Anlage kontinuierlich erfasst und bewertet, um aus den Informationen potenzielle Ausfälle vorherzusagen und diese mit proaktiven Instandhaltungsmaßnahmen zu verhindern. Hinzu kommen Schulungen und Tools für eine optimale Betreuung unserer Kunden und den problemlosen Ablauf der eingesetzten Systeme. Das gehört für mich zur Gesamtverantwortung eines Intralogistik-Komplettanbieters. Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit in Zeiten der Pandemie? betreibt eines der weltweit größten Distributionszentren. Intralogistisch besteht das Verteilzentrum aus einem manuellen und einem automatisierten Bereich. Vor dem Hintergrund der in unserem Gespräch skizzierten Szenarien splittet der Betreiber den manuellen Bereich und verteilt Arbeitsvolumina in seinem Netzwerk nun auf andere Standorte. Dieser Ansatz stellt hohe Anforderungen an die Steuerung der Prozesse und verlangt von der eingesetzten Softwarelösung intelligente Antworten. Denken Sie nur an Multipositions-Aufträge, die sich dazu noch aus einem umfangreichen Sortiment zusammensetzen. Die Konsolidierung der Aufträge zu einer Sendung ist eine spannende Aufgabe. Weltweit hat Corona die Digitalisierung vorangetrieben. Welche Auswirkungen hat dies auf Ihr Geschäft? Andreas Wimmer: Diesbezüglich muss man zwischen dem Geschäft unserer Kunden und unserem eigenen Geschäft differenzieren. Lassen Sie mich zunächst mit den Erkenntnissen zu den Veränderungen unserer Kunden beginnen. In der Vergangenheit hatten viele Kunden ein über einen langen Zeitraum bestehendes Geschäftsmodell, auf das wir abgestimmte Anlagen geplant und ausgeführt haben. Das Geschäftsmodell basierte zum Beispiel im Bereich Fashion auf der Filialdistribution. Nun verlagerten beziehungsweise verlagern zahlreiche Menschen ihr Einkaufsverhalten in die digitalen Kanäle. Darauf müssen die Unternehmen reagieren, was sich unter anderem auf die Abläufe in den jeweiligen Logistikzentren auswirkt. Dabei lassen wir den Kunden aber nicht allein, sondern erarbeiten mit ihm den richtigen Grad der Digitalisierung und Automatisierung seiner Prozesse. Die effiziente Auftragsabwicklung eines Multichannel-Händlers ist aus Sicht der Intralogistik eine der größten Herausforderungen. Die Digitalisierung hat aber auch auf unsere eigene Firmenorganisation Auswirkungen. Lassen Sie mich dies am Bereich Customer Services beschreiben. Wir verzeichnen aktuell viele Anfragen in diesem Bereich, die in Richtung Nutzung intelligenter Lösungen zielen. Diesbezüglich helfen uns die Investitionen der zurückliegenden Jahre weiter. So haben wir das Personal im Bereich Custo­ AUFGRUND DER KOMPLEXITÄT DER LIEFERKETTEN ODER PRODUK- TIONSNETZWERKE WIRD ES EINE DEGLOBALISIERUNG NICHT GEBEN Andreas Wimmer: In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Thema Nachhaltigkeit zurzeit etwas in den Hintergrund gerückt. Dabei können wir Intralogistiker einen maßgeblichen Beitrag zu nachhaltigem Handeln und zu einem umsichtigen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen leisten. Nachhaltigkeit lässt sich in einem Intralogistiksystem mithilfe softwareoptimierter Lagerstrategien, einer kumulierten Auftragsbearbeitung, einer effizienten Kommissionierung oder eines effektiven Retourenhandlings erreichen. Aber auch die Auslegung vorhandener Anlagen auf neue Anforderungen respektive die Erhaltung der Gesundheit des Lagerpersonals gehören für mich in die Kategorie Nachhaltigkeit ebenso wie das Transportmanagement, um zum Beispiel Ladungsträger optimal auszunutzen. Mit unserem Engagement in der Initiative ‚50 Sustainability and Climate Leaders‘ wollen wir dem Themenkomplex Nachhaltigkeit in diesen herausfordernden Zeiten der Bedeutung Ausdruck verleihen, die uns angemessen erscheint. Unter der Maxime ‚A race we can win‘ kommen 50 globale Unternehmen aus verschiedenen Branchen zusammen, um ihren Beitrag zur Erreichung der 17 Klimaziele der Vereinten Nationen zu leisten und Innovationen und nachhaltige Geschäftsmodelle zu präsentieren. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir uns als Partner für eine wirtschaftliche wie nachhaltige Intralogistik. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview mit Andreas Wimmer führte Winfried Bauer, Chefredakteur f+h Fotos: SSI Schäfer www.ssi-schaefer.com www.foerdern-und-heben.de f+h 2020/12 49

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