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f+h fördern und heben 3/2018

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f+h fördern und heben 3/2018

FORSCHUNG UND

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG PRAXISBEZOGENES FORSCHUNGSPROJEKT ZUM PHARMA-SUPPLY-CHAIN-RISIKO-MANAGEMENT IN DER LUFTFRACHT GESTARTET Mitigate Identify Risk Management Evaluate Analyze Prof. Dr. Yvonne Ziegler, Professorin für Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), arbeitet mit Unternehmen aus der Pharmaindustrie, der Transport- und Logistiksowie der IT- und Prozessberatungsbranche an einem Forschungsprojekt zum Pharma-Supply- Chain-Risiko-Management. Ziel ist es, ein IT-Tool zu entwickeln, das Pharmaherstellern helfen soll, die Pharma-Supply-Chain risikobasiert zu managen. 1 TRANSPARENZ UND SICHERHEIT DURCH DIGITALISIERUNG Die deutsche Pharmaindustrie ist mit einem Gesamtumsatz von 39,5 Mrd. Euro im Jahr 2016 einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Mit ihren Produkten trägt die Branche entscheidend dazu bei, Lebensqualität und -erwartung der Menschen zu erhöhen. Die zunehmende Globalisierung von Produktion und Vertrieb der Pharmaprodukte, die Regulierung des Markts und der Trend zum Outsourcing stellen alle Beteiligten der weltweiten Pharma- Supply-Chain vor komplexe Herausforderungen. In den vergangenen Jahren hat sich zudem die Rechtslage verschärft: Die Verantwortung für die Qualität der Produkte in der Supply Chain wurde in den „Guidelines on Good Distribution Practice of medicinal products for human use“ der Europäischen Kommission (EU GDP-Richtlinien) allen an der Prozesskette involvierten Parteien bewusst gemacht. Die Richtlinien fordern ein entsprechendes Qualitätsrisikomanagement von den Pharmaunternehmen 64 f+h 2018/03 www.foerdern-und-heben.de

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG 2 3 ein, mit dem Ziel, mehr Sicherheit und Transparenz entlang der Supply Chain zu erreichen. Sie legen fest, dass die Planung der Transporte für Pharmaprodukte mit dem Bewusstsein für mögliche Risiken vorgenommen werden muss, um diese möglichst zu vermeiden. Als Konsequenz steigt bei Produzenten, Großhändlern und Logistikdienstleistern der Wunsch nach einem noch zu entwickelnden, intelligenten IT-System, das unter den Aspekten erhöhter Sicherheit, Wachstum und Umsatzsteigerung die Transportkette umfassend visualisiert und risikobasiert planbar macht. DAS PHARMAPRODUKT LOGISTISCH IMMER IM BLICK Das klingt einfach. Tatsächlich handelt es sich aber um ein global agierendes, komplexes Netz aus unternehmensinternen und -externen Schnittstellen zwischen Herstellern, Lieferanten, Transportunternehmen, Großhändlern und Kunden. Sie alle wollen – und sollen – das Produkt permanent im Blick haben. Das war bislang nicht so: Nach Einschätzung des Branchenverbandes International Aviation Transportation Association (IATA) sind nur etwa 50 Prozent der weltweiten Luftfrachtbriefe elektronisch aufbereitet. Erstmalig arbeiten daher unter Leitung der Luftverkehrsexpertin Prof. Dr. Yvonne Ziegler Pharma-, Transport- und Logistik- sowie IT- und Prozessberatungsunternehmen an einer gemeinsamen Lösung für ein Qualitätsrisikomanagement. Der Fokus liegt dabei auf den über den Luftverkehrsweg versendeten Pharmaprodukten, die temperatursensibel sind, z. B. Insulin oder Impfstoffe. Ihr Projektziel ist die Entwicklung eines webbasierten Risikomanagement-IT-Tools, das den Unternehmen entlang der Pharma-Supply-Chain strategisch bei der Netzwerkgestaltung und taktisch im Monitoring von Einzelsendungen hilft. Dabei ist auch der Einsatz der Blockchain-Technologie angedacht. RISIKEN IDENTIFIZIEREN – ANALYSIEREN – MINIMIEREN Das Projekt betritt Neuland, denn vergleichbare Risikomodelle gibt es bislang nur im Finanzsektor. Um das Projektziel zu erreichen, sind aufwändige Vorarbeiten zu leisten, wie etwa die gesetzlichen Anforderungen der wichtigsten globalen Märkte zu erfassen und gemeinsame Standards zu definieren. Datenbanken, die z. B. Wetterinformationen oder politische Daten umfassen, sollen in das IT-Tool integriert werden und so die Entscheidung für eine möglichst risikoarme Lieferkette erleichtern. Im ersten Schritt wird das Leistungsportfolio der agierenden Partner mit ihren unternehmensinternen und -externen Schnittstellen entlang der Lieferkette im Rahmen eines ganzheitlichen Risikomanagements identifiziert, bewertet und digitalisiert. Anschließend werden mögliche Risiken entlang der Lieferkette kenntlich gemacht, um dann die Transportwege und -partner aufzuzeigen, mit denen sich die Risiken minimieren lassen. Die webbasierte Lösung wird dem Pharmaproduzenten ein Verzeichnis der Supply-Chain-Partner und ihren Fähigkeiten 4 entlang einer bestimmten Transportroute zur Verfügung stellen. Darauf basierend kann er Risikokennzahlen für seine weltweite Supply Chain abrufen und entsprechend seine Vertragspartner zur Auswahl bestimmter Flugrouten und Dienstleister verpflichten. Des Weiteren kann der Pharmaproduzent das IT- Tool zur Qualifizierung neuer Routen nutzen, um festzustellen, welche Route für einen bestimmten Zweck geeignet ist. Darüber hinaus lassen sich die Informationen auch zur Zertifizierung und Dokumentation gegenüber Behörden verwenden. Schließlich werden den Dienstleistern in der Lieferkette Qualitätsaudits angeboten, um ihre Leistung zu verbessern und sich als Partner zu qualifizieren. Die Pharmaindustrie agiert über ihre Logistikdienstleister weltweit. Vor diesem Hintergrund soll das neue IT-Tool langfristig auch weltweit eingesetzt werden können. Die Entwicklung findet schrittweise statt und fokussiert zunächst auf die Transportwege per Luftfracht in Europa, dann den USA und Asien. Mittelfristig ist die Erweiterung des IT-Tools um andere Verkehrsträger wie See-, Schienen- und Straßentransport angedacht. Der im Laufe des Projekts entwickelte Prototyp des IT-Tools soll aIs IT-Dienstleistung in ein eigenständiges Unternehmen am Standort Hessen überführt werden. „Aktuell existiert kein vergleichbares IT-Tool in der Pharma- beziehungsweise Logistikbranche“, erklärt Ziegler. „Mit der entstehenden digitalen Lösung wird der Weg des temperatursensiblen Pharmaprodukts von der Produktion bis zum Kunden nachvollziehbar und langfristig vorausblickend unter den Aspekten Sicherheit, Wachstum und Umsatzsteigerung planbar. Das fördert die Sicherheit der pharmazeutischen Produkte und schützt damit den Endverbraucher.“ DIE PROJEKTPARTNER n Projektteam: Prof. Dr. Yvonne Ziegler, Astrid Kramer (Wissenschaftliche Mitarbeiterin) n Kooperationspartner: cynatics Consulting GmbH, Hochschule Rheinmain, Hochschule Fulda, Bayer AG, Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, Frigo-Trans GmbH und Gefco Forwarding Germany GmbH n Assoziierte Partner: Aircargo Community Frankfurt e. V., BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e. V., DB Schenker Deutschland AG, Elpro-Buchs AG, Flughafen Düsseldorf Cargo GmbH, IATA – International Air Transport Association, Lufthansa Cargo AG, r-biopharm AG, Regierungspräsidium Darmstadt, Roche Diagnostics GmbH, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Sensitech EMEA n Laufzeit: 1. September 2017 – 31. Dezember 2019 n Finanzierung: Die Gesamtausgaben werden mit rund einer Millionen Euro beziffert, die zur Hälfte von den Projektpartnern getragen werden. Das Land Hessen unterstützt das praxisbezogene Forschungsprojekt „Pharma-Supply-Chain Risk Management in der Luftfracht“ (Projektnummer 555/17-37) im Rahmen der Loewe-3-Förderrichtlinie mit einem Fördervolumen von ca. 500 000 Euro. Fotos/Grafik: Fotolia, Frankfurt UAS Bearbeitung: VFV Layout, Sonja Schirmer www.frankfurt-university.de www.foerdern-und-heben.de f+h 2018/03 65

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