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f+h fördern und heben 7-8/2018

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f+h fördern und heben 7-8/2018

MENSCHEN UND MÄRKTE

MENSCHEN UND MÄRKTE AUGE IN AUGE „MEIN LUXUS IST DIE ZEIT“ Heute, am 30. Juli, dem Erscheinungstermin der vor Ihnen liegenden Ausgabe der f+h, rückt der Abschied von Matthias Kramm aus dem Arbeitsleben näher. Wir haben den Geschäftsführer und Vertriebsleiter der Vanderlande Industries GmbH besucht und über seine Beweggründe gesprochen, den Generalunternehmer aus Mönchengladbach aus freien Stücken zu verlassen. Das Interview mit Matthias Kramm (links) führte f+h-Chefredakteur Winfried Bauer (rechts) Foto: f+h Bearbeitung: VFV Layout, Sonja Schirmer 6 f+h 2018/07-08 www.foerdern-und-heben.de

AUGE IN AUGE MENSCHEN UND MÄRKTE Herr Kramm, das Unternehmen Vanderlande, das Sie seit 2008 als Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft leiten, vermeldete kürzlich für das Geschäftsjahr 2017 einen, nach eigenen Aussagen, Rekordumsatz in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Welchen Anteil daran hatte Vanderlande Deutschland? Matthias Kramm: Die deutsche Gesellschaft trägt zu der von Ihnen genannten Kennziffer etwa 400 Millionen Euro bei. Darüber hinaus entfallen mehr als 50 Prozent des weltweiten Ebits auf die deutsche GmbH. Die Gründe für den guten Profit sind in der geschlossenen Teamleistung, der langjährigen Zugehörigkeit der Mitarbeiter zum Unternehmen und dem damit erworbenen Know-how in Sachen Logistikautomatisierung zu sehen. Hinzu kommt unser striktes Denken in Prozessen, was uns dabei hilft, Fehler zu vermeiden. Zumindest in den vergangenen fünf Jahren habe ich nachts nie wachgelegen, weil es bei einem Projekt Probleme gab. Beim Aufbau der Prozesslandschaft kamen mir auch meine Erfahrungen aus der Zeit bei Miebach Consulting zugute. Als Berater ist man nun eben einmal sehr stark prozessgetrieben. Die eingangs erwähnten Ergebnisse lassen sich natürlich aber auch nur dann realisieren, wenn das wirtschaftliche Umfeld stimmt und das tut es seit 2010. Und so ist es uns in den zurückliegenden zehn Jahren gelungen, den Umsatz der deutschen Gesellschaft von ehemals 90 Millionen Euro auf die genannten 400 Millionen Euro zu steigern. Die deutsche GmbH trägt aber nicht nur zum Ebit bei, sondern unterstützt das weltweite Wachstum durch Expatriats in den USA, in Australien und übernimmt die Betreuung von Key Accounts wie Amazon, Zalando oder auch Lidl für ganz Europa. Das sind Zahlen, die das niederländische Management sicherlich gerne zur Kenntnis nimmt. Trotz dieser positiven Gemengelage haben Sie sich dazu entschlossen, das Unternehmen Vanderlande zu verlassen. Warum? Matthias Kramm: Ich habe um einen Aufhebungsvertrag gebeten, weil ich nach mehr als 20 Jahren in der Logistikbranche einfach müde bin und eine Auszeit brauche. Früher habe ich alle Themen wie ein Schwamm aufgesogen. Heute ist das nicht mehr der Fall. Vor meiner Zeit bei Vanderlande war ich mehr als zehn Jahre bei Miebach aktiv. Die Tätigkeiten als Berater waren mit langjährigen Aufenthalten in Indien und Malaysia verbunden. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich immer 110 Prozent gebe. So war und ist dies bis heute denn auch bei Vanderlande. Sie können sich vorstellen, dass in all der Zeit die Familie respektive das Privatleben generell zu kurz kam – und das wird sich ab sofort ändern, denn ich möchte privat nicht irgendwann vor einem Scherbenhaufen stehen. Ein mutiger Schritt und Chapeau, dass Sie mit uns darüber reden. Wie haben Ihre Vorgesetzten in den Niederlanden auf Ihre Entscheidung reagiert? Matthias Kramm: Sehr unterschiedlich. Neben den mir natürlich schmeichelhaften Versuchen des von mir sehr geschätzten CEO und meiner deutschen Kollegen mich zum Bleiben zu bewegen, gab es aber auch viel Zuspruch. Den Mut und die Gelegenheit dies zu tun, muss man aber erst einmal haben; viele trauen sich solch einen Schritt einfach nicht zu und schieben dafür finanzielle Themen als Argument vor. Übrigens bin ich der Geschäftsführer mit der aktuell längsten Amtszeit bei Vanderlande. Und nach zehn Jahren ist es denn auch an der Zeit, dass bei Vanderlande eine neue Epoche anbricht. An dieser Stelle möchte ich aber unbedingt betonen: Die vergangenen zehn Jahre bei Vanderlande haben mir sehr viel gegeben, ich habe extrem viel gelernt, viele kompetente Leute kennen gelernt und das auf allen Ebenen. Ich verdanke der Firma und vor allem meinem Team der GmbH in Mönchengladbach viel und habe jederzeit den Umgang und die Kultur geschätzt. So manche deutsche Firma kann sich davon eine Scheibe abschneiden. Was bedeutet Ihr Entschluss für die Organisation und Arbeitsteilung der Vanderlande Deutschland GmbH? Matthias Kramm: Da ich meinen Abschied frühzeitig angekündigt habe, bereits im Spätsommer des vergangenen Jahres, hatte das Headquarter ausreichend Zeit, einen adäquaten Nachfolger zu suchen. Alle Themen ließen sich in Ruhe und im Interesse der deutschen Niederlassung regeln. Leider hat der bereits gefundene Kandidat aus familiären Gründen einen Rückzieher gemacht. Somit ist die Nachfolgesuche noch in vollem Gange. Bis der neue Geschäftsführer an Bord kommt, werden die Aufgabenpakete auf mehreren Schultern aus der Vanderlande-Familie verteilt. Das Unternehmen Vanderlande ist so gut aufgestellt, dass der neue Chef keinen Handlungsdruck hat. Er hat also genügend Zeit, sich in die Aufgaben als Geschäftsführer und Vertriebsleiter einzufinden. Wobei ich betonen möchte: Das ist kein Posten, auf dem man sich ausruhen kann. Beispielhaft für diese Aussage sei an dieser Stelle der angedachte Erweiterungsbau genannt. Im Endausbau werden in dem Gebäudetrakt 300 zusätzliche Arbeitsplätze vorhanden sein. Zunächst entsteht Raum für 150 neue Kollegen. Von den neuen Mitarbeitern haben wir ungefähr die Hälfte bereits eingestellt, die zurzeit ihren Arbeitsplatz in Bürocontainern, in angemieteten Büros oder an anderen Standorten haben. Unser Plan sieht vor, bis zum Jahr 2023 die zuvor genannte Anzahl an weiteren Mitarbeitern zu gewinnen. Für meinen Nachfolger gibt es also noch genügend Entfaltungsmöglichkeiten. www.foerdern-und-heben.de f+h 2018/07-08 7

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