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f+h fördern und heben 9/2015

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FLURFÖRDERZEUGE Der

FLURFÖRDERZEUGE Der erste seiner Art „Multi-Greifer“ sorgt für Arbeitserleichterung im Lager Die Auswahl des richtigen Flurförderzeugs gehört zu den täglichen Aufgaben eines Logistikdienstleisters. Vor allem dann, wenn es um das Umschlagen schwerer Lasten geht. Doch was tun, wenn am Markt verfügbare Geräte diese damit verbundenen Anforderungen nicht zu Genüge erfüllen? Die Schäflein AG, Röthlein, ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Schon in der Planungs- und Realisierungsphase seines 8 000 m 2 großen Gefahrstofflagers suchte der Logistikdienstleister Schäflein nach einem Flurförderzeug, welches sich für den Umschlag von 60- und 205-l-Fässern eignet. Die Vorgehensweise des Kommissionierens sollte beibehalten werden, d. h. das manuelle Picken musste dabei sichergestellt bleiben. Doch für die beiden Standard-Fassgrößen waren zum damaligen Zeitpunkt nur Gabelstapler mit entsprechenden Anbaugeräten verfügbar. Keiner der angefragten Flurförderzeughersteller hatte dem Anforderungskatalog des Logistikdienstleisters erfüllende Lagertechnikgeräte serienmäßig im Angebot. So stand das Unternehmen vor der Entscheidung, für jede Gebindeart mehrere Flurförderzeuge anzuschaffen, was mit erheblichen Investitionen verbunden gewe- … wurden verschiedene Flurförderzeughersteller mit der Prüfung ihrer bisherigen Standardgeräte beauftragt. Die meisten Stapler entsprachen bereits den grundsätzlichen Anforderungen und waren für eine Weiterentwicklung geeignet. Die nächste Herausforderung bestand darin, einen Flurförderzeughersteller zu finden, der schon mehrere solcher Individualisierungsprojekte durchgeführt hatte. Die Wahl fiel auf den Flurförderzeughersteller Still, der das Standardgerät zur Verfügung stellte und gemeinsam mit seinem Partnerunternehmen Stiehle Solutions das Anbaugerät – den Fassgreifer – realisierte. Ausstattungsmerkmale z. B. ein Höhenund Druckbegrenzer sowie eine besondere Greifmechanik gehörten dabei zu den wichtigsten Details des zu realisierenden Flurförderzeugs. Darüber hinaus schrieb der zukünftige Betreiber ins Lastenheft, den Radstand gegenüber dem Standardgerät zu verkürzen. Das vom Logistikdienstleister Schäflein initiierte Projekt ließ sich innerhalb von nur drei Monaten ausführen. Entwickelt wurde der „Multi-Greifer“, ein technisch abgenommener Elektro-Hochhubwagen, der insen wäre, oder nach einer anderen Lösung zu suchen. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, einen eigenen „Fassgreifer“ zu entwickeln. Das Gerät sollte u. a. verschiedene Fasstypen, z. B. Spund- und Rundfässer, sowie unterschiedliche Gebindegrößen und Gewichte transportieren können. Ein Bewegungsradius, der die Höhen- und Seitenbeschränkungen der Regale berücksichtigt, zählte ebenso zu den Bedingungen. Ein Team aus Ingenieuren, Lagermitarbeitern und Mitarbeitern von verschiedenen Flurförderzeugherstellern entwickelten einen Stapler mit beweglichen Greifern. Doch bevor der „Multi-Greifer“ zum Einsatz kam, stand ein monatelanger Entwicklungs- und Herstellungsprozess bevor. Carsten Licht, Projektmanager für den Bereich Logistikprozesse und Lean Management bei Schäflein, erinnert sich: „Unsere Fachleute für Lagertechnik und Prozessgestaltung verschafften sich zuerst von den Kommissionierprozessen und den Gegebenheiten vor Ort einen Überblick. Das heißt von den Gewichten bis hin zu den Gebindegrößen auf den Ladungsträgern wurde alles genauestens geprüft. Dabei spielten auch die Breiten der Lagergassen und die Höhe der Regale eine Rolle.“ Im Anschluss an die Begehung … 50 f+h 9/2015

FLURFÖRDERZEUGE Nachgefragt zwischen für eine spürbare Erleichterung im Lager sorgt. Alle technischen Anforderungen an das Gerät ließen sich umsetzen: Der verkürzte Radstand ermöglicht dem Fahrer, Fässer von jedem Punkt der Palette aus zu picken. Mit dem Höhenbegrenzer stoppt der Hub automatisch auf einer definierten Höhe, sodass der Greifarm unter der ersten Regalebene eingefahren werden kann. Der Anpressdruck beim Greifen wird soweit reduziert, dass das 60-l-Fass nicht zusammengedrückt wird. Die Dorne des Anbaugeräts sind mit einem speziellen Material ummantelt. Mithilfe dieses Materials, in Kombination mit dem Druckbegrenzer, ließen sich die Voraussetzungen für das sichere Aufnehmen der Fässer schaffen. Ferner zeichnet sich die entwickelte Lösung durch ihre Flexibilität aus, da sich unterschiedliche Fassgrößen picken lassen. Mittlerweile sind zwei „Multi-Greifer“ tagtäglich bei Schäflein im Einsatz. Derzeit befasst sich das Unternehmen mit einer Weiterentwicklung der Geräte. Fotos: Schäflein www.schaeflein-ag.de Zu den originären Aufgaben eines Logistikdienstleiters gehört es nicht, ein Flurförderzeug selbst zu entwickeln. Wie entstand also die Idee, sich dem Thema zu stellen? Zauner: Für einen unserer Kunden müssen wir in unserem Gefahrstofflager Fässer mit unterschiedlichen Volumina kommissionieren. Für diese Aufgabe suchten wir nach einem Lagertechnikgerät inklusive Anbaugerät. Gespräche mit Flurförderzeugherstellern mündeten jedoch in die Erkenntnis: derartige Stapler gibt es noch nicht. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr Team zusammengestellt, beziehungsweise Ingenieure für den Entwicklungs- und Herstellungsprozess ausgesucht? Licht: Wir bildeten ein Team aus Mitarbeitern aus unserem Bereich Projektmanagement und Logistikern aus unserem Bereich Lagertechnik, die Interesse an der Bewältigung solch einer Aufgabe hatten. Hinzugezogen haben wir dann noch verschiedene Flurförderzeughersteller und Anbaugerätehersteller, die uns mit ihrem Fachwissen zur Seite standen. Werden Sie den „Multi-Greifer“ zukünftig weiterentwickeln, zum Beispiel für andere Anwendungen? Zauner: Aktuell besteht bei uns der Bedarf zusätzlich noch 50-Liter-Fässer zu kommissionieren. Dies wird voraussichtlich mit einer kleinen Anpassung des vorhandenen „Multi-Greifers“ möglich sein. Zusätzlich prüfen wir bereits die Entwicklung eines weiteren Lösungsansatzes, um auch die Lebensdauer der Verschleißteile weiter zu optimieren. Welche Vorteile bietet der „Multi-Greifer“ aus Ihrer Sicht und wie wirkt sich sein Einsatz auf die Effizienz intralogistischer Prozesse aus? Licht: Der große Vorteil liegt darin, dass wir für das Handling von verschiedenen Fassgrößen nur ein Gerät benötigen. Dadurch entfallen Investitionen in weitere Geräte, die wir dann vielleicht nur zeitweise einsetzen würden. Zudem entfällt das Wechseln der Anbaugeräte beim Picken verschiedener Fassgrößen. Darüber hinaus können wir mit dem „Multi-Greifer“ die Fässer direkt von einem Regal-Bodenplatz mit einer Arbeitsgangbreite von 3,40 Meter kommissionieren. Möglich macht dies der Anbau der Greifarmsonderkonstruktion an einem Elektro-Hochhubwagen mit verkürzten Radarmen. Die Fragen stellte Marie-Kristin Krueger, f+h-Redaktion Dipl.-Kfm. Carsten Licht (l.), Projektmanagement Logistikprozesse und Lean Management, Ing. Günter Zauner, Projektmanagement Bau und Technik, beide Schäflein AG Meyer.indd 1 28.07.2015 15:34:56 f+h 9/2015 51

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