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f+h fördern und heben 9/2018

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f+h fördern und heben 9/2018

FORSCHUNG UND

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG AUF DEM WEG ZU MEHR SICHERHEIT IM FLURFÖRDERZEUGEINSATZ Forschungen am BIBA – Bremer Institut für Produktion und Logistik zeigen anhand eines Demonstrators, wie sich mithilfe von Kameratechnik und selbstlernender Bilderkennungssoftware Unfälle bei innerbetrieblichen Transporten vermeiden lassen. Auf Deutschlands Straßen verunglückten im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt 393 492 Menschen; 3 180 Personen starben im Straßenverkehr. Für denselben Zeitraum zählte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (DGUV) unter den abhängig Beschäftigten und Unternehmern beim innerbetrieblichen Transport 221 926 meldepflichtige Arbeitsunfälle mit 101 Toten. Darunter waren 33 267 meldepflichtige Unfälle mit Flurförderzeugen (Stapler und Handkarren), von denen wiederum 11 691 auf Gabelstapler entfielen. Deutschlandweit entspricht dies 32 Unfällen mit Staplern pro Tag respektive ca. 35 Prozent der meldepflichtigen Arbeitsunfälle mit Flurförderzeugen.

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG Zwar sind die Zahlen im Bereich meldepflichtiger Arbeitsunfälle mit Flurförderzeugen erstmals seit Jahren rückläufig (2016 gab es noch 12 671 meldepflichtige Unfälle mit Staplern, also 980 mehr), dennoch besteht weiterhin ein hoher Handlungsbedarf. Vor allem wenn man bedenkt, dass es sich bei den zuvor genannten Zahlen ausschließlich um die nach dem Sozialgesetzbuch meldepflichtigen Unfälle handelt, also die mit vier oder mehr Tagen Arbeitsunfähigkeit oder tödlichen Folgen. Aufgrund der nicht zu Buche schlagenden nicht meldepflichtigen und nicht gemeldeten Unfälle liegt die tatsächliche Anzahl nach Einschätzung der DGUV deutlich höher. Ebenfalls nicht in den Statistiken Berücksichtigung finden Unfälle, bei denen es „nur“ zu Sachschäden kommt. Unabhängig von den menschlichen Tragödien, die viele dieser Unglücke verursachen, ist somit auch der volkswirtschaftliche Schaden beträchtlich. LÖSUNGSANSATZ 01 denentwicklung zur präventiven Steigerung der Arbeitssicherheit an Flurförderzeugen mit Umsetzung eines Assistenzsystems durch Fusion und Analyse von 2D- und 3D-Bilddaten“ lautet. Das Vorhaben wurde vom BIBA an der Universität Bremen und dem Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) der Technischen Universität München (TUM) initiiert und von der DGUV gefördert. Als Partner beteiligt waren zudem die Sick AG, die Still GmbH und die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW). 1400 UNFÄLLE ANALYSIERT Im Rahmen des Projekts analysierte die BGHW etwa 1400 Untersuchungsberichte von Unfällen mit Staplern, woraus zwölf Szenarien entwickelt wurden, die die primären Gefährdungssituationen beschreiben. Anhand dieser Szenarien definierten die Projektpartner Fälle für Simulationen und Praxistests. Die BGHW konnte die Analyseergebnisse bereits vielfältig für ihre Arbeit nutzen. „Vor allem aber bot das Projekt für uns die Möglichkeit, unter realitätsnahen Bedingungen zu untersuchen, inwieweit Kameratechnik und selbstlernende Bilderkennungssoftware einen substanziellen Beitrag zur Reduzierung der durch Stapler verursachten Anfahrunfälle leisten können“, so Marcus Gaub, Bereich Prävention im Dezernat Fachbereich Handel und Logistik der BGHW. „Das sehen wir nun anhand der Erkenntnisse aus dem Projekt bestätigt.“ FORSCHUNGSERGEBNISSE In dem Projekt wurden grundsätzliche Methoden zur präventiven Steigerung der Arbeitssicherheit beim Einsatz motorbetriebener Flurförderzeuge aufgezeigt. Die Projektpartner entwickelten ein Demonstrator-Assistenzsystem und können damit belegen, dass sich die Arbeitssicherheit mithilfe der 2D- und 3D-Bildverarbeitung steigern lässt. Darüber hinaus haben die Partner im Rahmen des Projekts die Grundlagen für die Entwicklung eines Assistenzsystems geschaffen, das sich an beliebigen Flurförderzeugfabrikaten nachrüsten lässt und dessen Einsatz branchenübergreifend möglich ist. Die Projektpartner zeichneten ferner konzeptionell Perspektiven und Ansätze auf, die die Voraussetzungen für eine Skalierung des Assistenzsystems hin zu einem Sicherheitssystem schaffen. 01 Die 3D-Kamera ermöglicht die lückenlose Überwachung definierbarer Räume 02 Auf Basis der 3D-Time-of-flight-Daten berechnet die Kamera ein Abstandsbild. Zusätzlich erhält man, ähnlich wie bei herkömmlichen 2D-Kameras, im selben 3D-Snapshot auch Intensitäts- und Konfidenzwerte 02 Der Einsatz motorbetriebener Flurförderzeuge birgt laut Axel Börold, Wissenschaftler am BIBA und Experte für maschinelles Sehen, ein hohes Gefahrenpotenzial. Aufgrund der Einsatzbedingungen könne die Sicht des Staplerfahrers auf Gabel und Last problematisch sein. Nicht zu unterschätzen sei ferner die Unachtsamkeit von Personen im Umfeld des Flurförderzeugs. „Fahrerassistenzsysteme können die Aufmerksamkeit potenziell betroffener Personen im entscheidenden Moment des Auftretens einer Gefahr erhöhen und die Beteiligten warnen. Mithilfe intelligenter Systeme und den Fortschritten zum Beispiel bei der Bilderkennung lassen sich viele Unfälle mit Flurförderzeugen vermeiden.“ Börold hat das dreijährige Forschungsprojekt Prävision geleitet, dessen Langtitel „Methowww.foerdern-und-heben.de f+h 2018/09 55

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