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f+h fördern und heben 1-2/2023

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F+H NACHGEFRAGT

F+H NACHGEFRAGT „TEILWEISE SIND DIE PROBLEME SELBST VERSCHULDET“ Wie sollten Logistik-Verantwortliche in Unternehmen auf die Herausforderungen der Zeit reagieren? Im Interview lässt uns Andreas Löwe, Product Partnerships & Integrations der AutoStore System GmbH, an seinen Erfahrungen teilhaben. Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen aktuell? Andreas Löwe: Aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten wägen viele Personen momentan genau ab, ob sie sich den Kauf eines Produkts leisten können. Mitunter wird der Kauf nicht getätigt oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Für Unternehmen, egal ob sie in der produzierenden Industrie oder im Handel zu Hause sind, bedeutet das reduzierte oder schwankende Nachfrage. Gefragt sind daher Intralogistiklösungen, mit deren Hilfe Betreibende flexibel auf sich verändernde Auftragsvolumina reagieren können, um Prozesse kostenoptimal zu gestalten – noch mehr als dies in der Vergangenheit bereits zutraf. Das heißt also: Eine der großen Herausforderungen ist momentan Flexibilität. Um das von Ihnen genannte Stichwort kostenoptimal aufzugreifen: An der Kostenschraube lässt sich zum Beispiel über die Personalstärke in der Kommissionierung drehen. Wenn das Geschäft dann aber wieder anspringt, schlägt der Fachkräftemangel zu. Andreas Löwe: Gesamtwirtschaftlich und insbesondere im Bereich der Logistik gibt es durchaus einen Mangel an Fach- und Arbeitskräften. Wenn man auf einzelne Unternehmen blickt, ist dieser Personalengpass meiner Meinung nach nicht so stark ausgeprägt, wie oftmals behauptet. Die Unternehmen schöpfen die eigenen Möglichkeiten, den Job attraktiver zu machen, nicht aus und arbeiten an den eigenen internen Herausforderungen nur halbherzig – wenn überhaupt. Hier sind in den Unternehmen noch viele Hausaufgaben zu machen. Das fängt beim Lohn an und geht bei der Attraktivität des Arbeitsplatzes weiter. Sie vermissen also die Wertschätzung für die Mitarbeiter im Lager? Andreas Löwe: Da gibt es sicher Verbesserungspotenzial. Um nur eine Möglichkeit zu nennen: Ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze sind wertschätzend gegenüber der Gesundheit und dem Wohlbefinden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Über den Stellwert der Ergonomie wird in der Branche bereits lange gesprochen. Ist die Bedeutung bei den Anlagenbetreibern noch nicht angekommen? Andreas Löwe: Ergonomie ist in der Logistik ein vollkommen unterschätztes Thema. Generell besteht in puncto Arbeitsplatzverbesserung in Materialfluss und Lager noch viel Nachholbedarf. In die entsprechenden Überlegungen gehört für mich auch das Thema Job-Rotation. Neben der Kommissionierung zum Beispiel sollte der Mitarbeiter so ausgebildet werden, dass er Aufgaben im Nachschub oder an den Packplätzen übernehmen kann. Im Kontext der Arbeitsplatzverbesserungen 10 f+h 2023/01-02 www.foerdern-und-heben.de

werden bei etlichen Betreibenden nur die damit unter Umständen verbundenen Kosten gesehen, aber die langfristigen Effekte bleiben bei der Beschäftigung mit dem Thema außen vor. Als da wären? Andreas Löwe: In der Betrachtung müssen auch die Kosten krankheitsbedingter Ausfälle berücksichtigt werden. Ebenso die Kosten, die aus der Personalfluktuation herrühren. Das sind zum einen die Kosten für das Recruiting und zum anderen die Kosten für das Anlernen der neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und viele weitere Faktoren. Ein Business Case besteht eben nicht nur aus dem Vergleich der Investitionshöhe und der Personaleinsparung. Auf den Fachkräftemangel reagieren die Anlagenbetreiber mit der Investition in die Automatisierung der Prozesse. Wie verhält sich dies mit der von Ihnen eingangs erwähnten Flexibilität? Andreas Löwe: In dem Zusammenhang kommen der Arbeitsorganisation und der Dimensionierung der Automatisierungstechnik Schlüsselrollen zu. Wenn eine Anlage zum Beispiel normalerweise im Zweischichtbetrieb läuft, kann das Weihnachtsgeschäft oder jeder andere Peak durch kurzfristiges Organisieren einer dritten Schicht bearbeitet werden. Hinsichtlich der Anlagentechnik sind Systeme gefragt, die sich in den Zeiten mit Auftragsspitzen leistungsmäßig einfach ausbauen lassen. Bei einem Auto­ Store-System lassen sich etwa kurzfristig zusätzliche Roboter integrieren. Sobald die Phase mit dem erhöhten Auftragsvolumen vorbei ist, können die zusätzlichen Roboter aus dem System problemlos wieder entfernt werden. Was ich im Zusammenhang mit der Bewältigung von Auftragsspitzen nicht als sinnvoll erachte, ist Leistung, die nur zeitweise abgerufen wird, prinzipiell vorzuhalten. Eine Anlage auf eine Leistung auszulegen, die vielleicht nur 80 Prozent des Jahres benötigt wird, können sich unter Umständen die großen Player erlauben. Kleinen und mittelständischen Unternehmen kann ich von einer derartigen Praxis vor dem Hintergrund des kostenoptimalem Wirtschaftens meist nur abraten. Stets Volldampf geben – mit unserer großen Produktpalette an Rädern, Rollen und Fördertechnik! Welchen Beitrag kann die Digitalisierung leisten, die zuvor genannten Aufgaben zu bewältigen? Andreas Löwe: Hier müssen wir zwischen Großunternehmen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen differenzieren. Großunternehmen haben die Ressourcen, um Digitalisierungs- oder umfassende Automatisierungsprojekte zu realisieren. In kleinen und mittelständischen Firmen ist dem nicht zwingend so. Das heißt, es gibt ein großes Ungleichgewicht zwischen den A-Playern und dem Mittelstand. In puncto Digitalisierung und auch Automatisierung ist im Mittelstand noch viel Aufholarbeit zu leisten – und demzufolge auch Verbesserungspotenzial gegeben. Ein häufig anzutreffender Grund für die Diskrepanz ist fehlendes Know-how in den Unternehmen. Hier gilt es, in die Weiterbildung des Personals zu investieren. Aber auch die Anbieter sind an der Stelle gefordert. Digitalisierungsprojekte sind Softwareprojekte. Und Softwareprojekte sind im Allgemeinen zu komplex. Warum ist dem so? Andreas Löwe: Weil vielfach versucht wird, die Software den Prozessen anzupassen. Das ist aber nicht zielführend. Es sollte in vielen Fällen genau entgegengesetzt sein. Die Prozesse müssen den Möglichkeiten der Software angepasst werden. Das wirkt sich auch positiv auf die Projektlaufzeiten aus. Warehouse Management Systeme müssen außerdem einfacher in der Bedienung werden. Nur mit einer ansprechendem UX/UI lässt sich für Akzeptanz bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sorgen. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview mit Andreas Löwe, Product Partnerships & Integrations der AutoStore System GmbH, führte Winfried Bauer, Chefredakteur f+h Foto: AutoStore www.autostoresystem.com Jetzt in unseren Katalogen blättern! www.torwegge.de